Wissenschaftliche Neuigkeiten

Neue Studien zur Herz-Kreislauf-Therapie

Winter 2008/09

Rechtfertigt ein eventuell besseres Ergebnis eine längere Transportzeit?

Es gibt Belege dafür, dass das Behandlungsergebnis von Patienten mit plötzlichem Herzstillstand außerhalb eines Krankenhauses besser ist, wenn bei ihnen in der Postreanimationsphase spezielle Therapiemaßnahmen eingesetzt werden, wie die therapeutische Hypothermie. Meist ist jedoch die Anfahrt zu darauf spezialisierten Einrichtungen länger. Ist es das wert?
Bei 253 der 1.177 Patienten, welche die Autoren in Arizona untersuchten, wurde wieder eine spontane Zirkulation hergestellt. Sie blieben zudem weiterhin bewusstlos, sodass ein Transport in ein spezialisiertes Zentrum möglich war. Unabhängig davon, ob die Patienten für spezielle Therapiemaßnahmen in der Postreanimationsphase geeignet waren oder nicht, konnten die Untersucher keinen Zusammenhang zwischen der Transportdauer und dem klinischen Ergebnis feststellen. Anders gesagt ist der Transport eines Überlebenden nach plötzlichem Herzstillstand in das nächstgelegene Krankenhaus nicht unbedingt die beste Lösung.

Spaite DW, Bobrow BJ, Vadeboncoeur TF, Chikani V, Clark L, Mullins T, Sanders AB. The impact of prehospital transport interval on survival in out-of-hospital cardiac arrest: implications for regionalization of postresuscitation care. Resuscitation. 2008;79:61-66.

 

Warum eine häufige Wiederauffrischung wichtig ist

Ziel der Untersuchung war, die Ursachen für den schlechten Basic Life Support (BLS) durch Krankenschwestern auf Normalstationen zu ermitteln. Zunächst wurden 296 Krankenschwestern eines BLS-Wiederauffrischungskurses am Ghent University Hospital aufgefordert, ihr Selbstvertrauen auf einer Skala einzuschätzen. Anschließend erfassten die Untersucher die Umsetzung der BLS-Maßnahmen anhand der Anzahl der Atemspenden pro Minute, des Tidalvolumens, der Anzahl der Herzkompressionen pro Minute sowie der Kompressionsrate und -tiefe während der CPR. Die Ergebnisse zeigten, dass die Krankenschwestern, die ihr Selbstvertrauen als hoch eingestuft hatten, bessere Atemspenden und eine gute Herzdruckmassage durchführten. Je kürzer der Abstand zur letzten durchgeführten CPR oder CPR-Schulung war, umso mehr Kompressionen wurden durchgeführt. Auch die mit mehr Kraft durchgeführten Kompressionen bei Männern erreichten eine bessere Qualität.

Verplancke T, De Paepe P, Calle PA, De Regge M, Van Maele G, Monsieurs KG. Determinants of the quality of basic life support by hospital nurses. Resuscitation. 2008;77:75-80.

 

Warum verbreitet sich die therapeutische Hypothermie nur im Schneckentempo? 

Obwohl der klinische Wert der therapeutischen Hypothermie bei Herzstillstand bereits in den 1950er-Jahren erkannt wurde und im Jahre 2003 auch Einzug in die internationalen Leitlinien hielt, wird die therapeutische Hypothermie nicht überall bei Patienten nach plötzlichem Herzstillstand angewandt. Die Autoren dieses Kommentars wollten die Gründe dafür aufdecken. Sie untersuchten die Erfolgsgeschichte der Behandlung des plötzlichen Herzstillstandes, wie eine Kultur der Hoffnung den Eindruck der Zwecklosigkeit verdrängte. Sie verfolgten die Schritte, die für die Umsetzung einer Leitlinie in die Praxis erforderlich sind, da jede Veränderung von zahlreichen weiteren Faktoren beeinflusst wird. Dazu gehören eine entsprechende Schulung, ökonomische Vor- und Nachteile, der Druck seitens der durch die Massenmedien vorinformierten Patienten sowie persönliche psychische Aspekte.
Die Autoren zeigen Möglichkeiten auf, wie sich Akzeptanz und Umsetzung der Hypothermie-Leitlinien erreichen lassen und wie sich dieser Vorgang auf eine Veränderung der Leitlinien auswirkt. Sie empfehlen
(1) eine bessere Platzierung der Leitlinien zur therapeutischen Hypothermie auf den Dokumenten der American Heart Association,
(2) die Ergänzung der Leitlinie um ein Protokoll zur Abkühlung,
(3) den Einsatz klinisch eingebundener Gedächtnisstützen,
(4) die organisatorische Optimierung zur besseren Anwendung der therapeutischen Hypothermie, und
(5) die Förderung der fachübergreifenden Beteiligung bei der Umsetzung der Leitlinien.
Außerdem enthält der Artikel eine nützliche Tabelle mit pädagogischen, epidemiologischen, betriebswirtschaftlichen, behavioralen, die soziale Interaktion betreffenden und organisatorischen Aspekten sowie Zwangsmaßnahmen zur Veränderung der klinischen Praxis weit über den Bereich der Hypothermie hinaus.

Brooks SC, Morrison LJ. Implementation of therapeutic hypothermia guidelines for post-cardiac arrest syndrome at a glacial pace: Seeking guidance from the knowledge translation literature. Resuscitation. 2008;77:286-292.

 

Wiederbelebung von Säuglingen nach telefonischer Anweisung: Verbesserungsbedarf 

Die gute Nachricht für Säuglinge lautet, dass ungeschulte Laien bei einem Säugling eher eine CPR durchführen als bei einem Erwachsenen. Allerdings lautet die schlechte Nachricht, dass dies meist nur unzureichend geschieht und die derzeit üblichen telefonischen Anweisungen in dieser Studie als dafür unzureichend eingestuft wurden.
Die Forscher in Großbritannien rekrutierten 55 männliche und weibliche Freiwillige, die an Geburtsvorbereitungskursen teilnahmen. Die Probanden wurden in einen Raum mit einem Telefon und einer Übungspuppe gebracht und ihnen mitgeteilt, sie hätten gerade einen bewusstlosen Säugling aufgefunden. Sie wurden aufgefordert telefonisch Hilfe zu rufen und den Anweisungen der Rettungsleitstelle zu folgen. Gemessen wurden die ausreichende Öffnung der Atemwege, eine ausreichende Beatmung sowie die Rate und Tiefe der Brustkompressionen. Keiner der Freiwilligen führte eine CPR gemäß der Leitlinien durch. Fast ein Viertel verabreichte ineffektive und 17 % zu starke Atemspenden. Alle Freiwilligen führten messbare Brustkompressionen durch, aber nur 37 % ausreichend häufig. Die Autoren gehen davon aus, dass die CPR-Qualität in einer echten Notfallsituation sogar noch schlechter sein würde. Außerdem sind sie der Überzeugung, dass die Anweisungen der Rettungsleitstelle neu formuliert werden müssen.

Dawkins S, Deakin CD, Baker K, Cheung S, Petley GW, Clewlow F. A prospective infant manikin–based observation study of telephone cardiopulmonary resuscitation. Resuscitation. 2008;76:63-68.